Bericht aus Frankreich

von Sarah Labarbe

«Wir sind im Krieg», sagte Emmanuel Macron am 16. März 2020. Frankreich hat seitdem drastische Maßnahmen ergriffen. Für das gesamte Land gilt eine der härtesten Ausgangssperren in Europa. Die Menschen dürfen nicht mehr ohne Grund das Haus verlassen. Ansonsten droht ihnen eine Geldstrafe von bis zu 135 Euro. Wer mehr als vier Mal die Regeln bricht, muss mit einer Strafe von bis zu 3700 Euro oder einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe rechnen.

Grundsätzlich müssen alle, die das Haus verlassen wollen, ein Papier der Regierung ausfüllen und darin ihre Gründe für den Ausgang schildern. Die Polizei kontrolliert an jeder Ecke. Die Läden sind seit mehr als einer Woche geschlossen – außer Supermärkte, Apotheken, Arztpraxen und die Post. In manchen Städten haben Supermärkte besondere Strategien entwickelt, um die Leute zu schützen. Zum Beispiel können von 9 bis 9:30 Uhr diejenigen Menschen einkaufen, die älter als 60 Jahre alt oder schwanger sind. Die Polizei kontrolliert die Pässe und lässt die Leute immer zu Zweit eintreten. Die Kassierer*innen schützen sich durch Handschuhe und sprechen durch ein Fenster zu den Kund*innen. Frankreich zählt derzeit mehr als 19.856 Fälle, mit 860 Toten. Darunter sind auch fünf Ärzte und eine 28-Jährige.

Angesichts dieser dramatischen Zahlen hat Frankreich heute noch strengere Maßnahmen verabschiedet. Der Premierminister Edouard Philippe rief den „sanitären Ausnahmezustand“ aus.

Für den achten Tag der Ausgangssperre wurde eine Verordnung verhängt, die Spaziergänge von maximal einer Stunde erlaubt. Die Menschen dürfen sich auch nicht mehr als einen Kilometer von ihrem Wohnort entfernen. Die Märkte sollen nicht mehr stattfinden, außer wenn es die einzige Möglichkeit ist, lokal frische Produkte zu kaufen.

Aus gesundheitlichen Gründen ist es nicht mehr möglich, Bustickets im Bus zu kaufen und die vordere Tür darf – um die Busfahrer*innen zu schützen, nicht mehr benutzt werden. Lieferungen mit Empfangsbestätigung sind ebenfalls nicht mehr möglich. Frankreich versucht, jeglichen persönlichen Kontakt zu unterbinden.

Die rigorose Ausgangssperre stellt die gesamte Gesellschaft vor eine nie dagewesene Herausforderung. Für einige ist die Lage einfach nur langweilig. Für andere ist sie ein echter Alptraum, weil hinter den Türen schlimme Situationen eskalieren. Die Polizei hat versichert, auch Opfer von häuslicher Gewalt zu schützen. Viele glauben, dass die Zahl der Ehescheidungen steigen wird, manche erwarten einen Babyboom. Ich denke oft an meine Familie.

Für viele von meinen Verwandten klingt es sehr komisch, dass wir in Deutschland keine allgemeine Ausgangssperre haben. Sogar Personen, die alleine leben, verstehen das nicht und sagen, dass eine Ausgangssperre notwendig ist. Ich studiere in Bielefeld. Für mich ist es ein komisches Gefühl, weit weg von meiner Familie zu sein und nicht zu wissen, wann ich sie das nächste Mal sehen kann. In meiner Heimatstadt Nanterre ruft der Oberbürgermeister alle Menschen zur Solidarität auf und fordert Respekt für die Ausgangssperre. Meine alte Turnhalle wurde in ein Gesundheitszentrum verwandelt und unser Krankenhaus hat mehr Personal bekommen. In ganz Frankreich wurde die Armee mobilisiert und die Militärkrankenhäuser sind inzwischen für alle geöffnet. Ein lokales Netzwerk von Ehrenamtlichen verteilt in Nanterre rund 300 Mahlzeiten an Bedürftige.

Trotz all dieser Maßnahmen und Regeln gibt es aber auch immer noch einige, die sie bewusst missachten. An mehreren Orten brannten Autos und es gab einige Übergriffe auf Restaurants, wie zum Beispiel das Restaurant meiner Cousine. Es befindet sich eigentlich in einer geschützten Gegend in der Nähe des Elysee-Palasts in Paris. Trotzdem haben Unbekannte die Fensterscheiben eingeschlagen. Macron hat angekündigt, allen unter die Arme zu greifen, die wegen Corona keine Arbeit mehr haben. Das betrifft nun schon rund 730.000 Menschen in Frankreich. Steuern, Miete, Strom, Gas, Wasser und weitere Kosten sollen für sie vermindert oder sogar aufgehoben werden. Eine steuerfreie Lohnzulage in Höhe von 1000 Euro wird an alle Menschen, die in unverzichtbaren Berufen arbeiten, gezahlt.

Meine Tante arbeitet in einem Krankenhaus und erzählt, dass das medizinische Personal überlastet ist, es gibt zu wenig Schutzkleidung. Der Nachschub ist innerhalb eines Tages schon wieder aufgebraucht. Außer Masken und Desinfektionsmittel fehlen Schutzkleidung, Schutzbrillen und Überschuhe. Meine Tante stellt mit Traurigkeit und Ohnmacht fest, dass immer mehr Kolleg*innen selbst erkranken. Auch um sie mache ich mir Sorgen.



Foto: von Photo by Nil Castellví auf Unsplash

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