Digitalpolitik, Frauenpower und Lockdown – mein Bericht über ein spannendes Praktikum

Von Asena Soydas

Wenn ich enthusiastisch von meinem Praktikum bei Alexandra im Europäischen Parlament erzähle, fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Die einen halten es für einen Affront, dass man zu „den Verbrechern nach Brüssel“ geht, die anderen finden es todlangweilig und gehen davon aus, dass man die Tage mit Kaffeekochen verbringt. Für mich als Studentin, die sich in den vergangenen Jahren mit europäischer Politik, vor allem netzpolitischen Themen und Chancengleichheit auseinandergesetzt hat, war es eine Riesenchance. Eine, bei der ich nicht nur das theoretische Wissen in die Praxis übersetzen konnte, sondern bei der ich auch aus dem Herzen der europäischen Politik erlebt habe, was einen Kontinent bewegt und Deutschland aus der Ferne betrachten konnte.

Für alle, die mehr wissen wollen, habe ich diesen Bericht verfasst:

Februar: Orientierungsschwierigkeiten, KI und die Morde von Hanau

Zwischen der Ungläubigkeit, dass ich wirklich in diesem Team arbeiten darf und der Hoffnung, mich an alle Begrifflichkeiten zum richtigen Zeitpunkt zu können, waren die ersten Wochen von ständigem Verlaufen, bürokratischen Hürden, einem „Oh krass , dass ist doch XY“ sowie Alexandras parlamentarischer Resolution zu künstlicher Intelligenz geprägt. Immer häufiger tauchten Berichte von einem neuartigen Virus aus China auf, dann von den ersten Toten in Italien. Währenddessen tötete in Deutschland ein altbekannter Virus neun Menschen mit Migrationshintergrund und migrantisch klingenden Namen: Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kaloyan, Fatih und Vili wurden in Hanau am 19. Februar durch einen Rechtsextremisten aus dem Leben und aus ihren Familien gerissen.

März: Corona, Lockdown und geschlossene Grenzen

Auf den Fluren des Parlaments sprach man immer häufiger von Corona, Handschläge oder Umarmungen zur Begrüßung fielen aus, die Parlamentsverwaltung versendete täglich Emails mit Regionen, die man nicht besuchen sollte, an den Eingängen gab es immer mehr Desinfektionsspender. Die letzten Großveranstaltungen, die ich in Brüssel für das Office besuchte, waren von Fridays for Future und der Women’s March aller Altersklassen, intersektional. Währenddessen öffnete die Türkei ihre Grenzen nach Griechenland und löste eine neue Flüchtlingsbewegung aus. Europa antwortete an den Außengrenzen mit Tränengas und Polizeigewalt. Die vielen Nachrichten, die uns im Büro erreichten, zeigten mir, dass es der europäischen Bevölkerung nicht egal ist, wie mit hilfesuchenden Menschen an den Grenzen umgegangen wird. Dazu gehörte auch eine Gruppe von Praktikant*innen die zur Mahnwache vor dem Parlament aufriefen, was wir gerne unterstützt haben. In der zweiten Märzwoche riet das Parlament dazu, aus dem Home-Office zu arbeiten. Viele Praktikant*innen in anderen Institutionen durften ihr Praktikum nicht beginnen oder nicht fortsetzen; der Plux wo sich sonst alle Praktikant*innen treffen, bleibt mit dem Lockdown leer. Gleichzeitig hören wir von Studierenden die in Ihre Heimatländer zurückgeschickt oder geholt wurden. Die innereuropäischen Grenzen, die meine Generation so nicht kannte, wurden geschlossen.

April: Politik digital, Webinare und ein Appell

Was im Februar und März an Schritten zurücklegte, verlagerte sich nun ins Digitale und brachte gefühlt die Drähte zu Hause zum Glühen. Vor allem, weil wir so viele Webinare organisierten. Ein großes Thema, das viele Menschen aus Deutschland beschäftigte, waren und sind Tracing Apps. Ich beantwortete unendlich viele Bürger*innenanfragen dazu, was mit den gewonnenen Daten passiert, wie rechtskonform das ist und welchen Nutzen diese Apps haben sollen.

Durch die mangelnde Solidarität mit Italien zu Beginn der Krise, gab Europa Populisten ein Podium, ihre Ressentiments gegen Europa zu verbreiten. Viele Menschen, die sonst sehr viel von Europa halten, fühlten sich im Stich gelassen. Alexandra initiierte mit Sven Giegold und Franziska Brantner den deutsch-italienischen Appell #weareinthistogether für mehr Solidarität in Europa – ein Statement, das große Wirkung in beiden Ländern zeigte.

Die Home-Office Phase hatte aber auch ihre Tücken. Zu den Stoßzeiten war die oft Verbindung schlecht, und die direkten zwischenmenschlichen Gespräche fehlten mir sehr.

Mai- Frauenpower und Gleichberechtigung

Je unsicherer Menschen werden, desto mehr scheinen sie seltsamen Geschichten zu glauben. Bedingt durch die Pandemie verbreiteten sich Desinformationen rasant, auch in Kombination mit Verschwörungstheorien. Besonders spannend war es, im Webinar zu Desinformation in Zeiten von Corona zu erfahren, was die Narrative sind und wie sie zugeordnet werden müssen.

Besonders beeindruckt hat mich im Mai die Frauenpower von Pionierinnen der Europäischen Union:  Louise Weiss, Simone Veil und Sofia Corradi. Ihre Geschichten habe ich für Social Media zum Europatag am 9. Mai aufgearbeitet.

Und schließlich startete Alexandra im Mai ihren Appell #halfofit für alle Frauen in Europa – weil sie härter von der Krise betroffen sind, weil sie häufiger ihre Jobs verlieren und einen Großteil der Sorgearbeit leisten.

Was nehme ich aus dieser Zeit mit?

Politico und Twitter sind oft schneller als der Flurfunk.

Die politische Agenda kann sich innerhalb weniger Tage ändern.

Die Europäische Union – mit all ihren guten und schlechten Seiten, oder ihren blinden Flecken – ist das größte und längste Friedensprojekt, das dieser Kontinent je erlebt hat. Aber es gerät in Gefahr, wenn es von Populisten oder nationale Egoismen unter Druck gesetzt wird. Deshalb ist es umso wichtiger, sich dem entgegenzusetzen und laut für Europa einzutreten.

Frauen-Teams sind super. Ich danke euch allen von Herzen!

  • +32 22 84 59 05
  • Alexandra.Geese@ep.europa.eu

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