13. Mai 2026

In den USA formiert sich Widerstand gegen KI-Rechenzentren

Prince William County, Virginia, USA, am Dienstag, 4. Mai, 18.00 Uhr. Direkt nach der Ausfahrt aus dem Rechenzentrum, das ich mit einer Gruppe von Europa-Abgeordneten besucht habe, klettere ich aus dem Bus, der die anderen Abgeordneten zurück in ein schickes Washingtoner Hotel bringt. Die Reise für uns neun Abgeordnete zum Thema KI wurde vom German Marshall Fund organisiert. Ich stehe in der schwülen Luft am Rande einer stark befahrenen Straße im Prince William County, Virginia, USA, und warte auf Louise.

Louise Schlossberg ist die Sprecherin von “The Coalition to Protect Prince William County”, einer lokalen Initiative, die sich gegen die massive Konzentration von Rechenzentren im nördlichen Virginia wehrt. Sie hat mir einen Treffpunkt an der Brawner Farm auf dem Manassas Battlefield vorgeschlagen. Hier fand 1861 die erste Schlacht von Manassas im Amerikanischen Bürgerkrieg statt. Die historischen Orte mitten in der grünen Idylle sind liebevoll mit Tafeln beschildert.

Wenn die Big-Tech-Unternehmen ihren Willen bekommen, wird dieser Ort des Gedenkens der Sklaverei, der Befreiung und des Bürgerkriegs bald ausgelöscht sein. Überbaut von riesigen Rechenzentren, Umspannwerken und Hunderten von Dieselgeneratoren pro Rechenzentrum. Genauso platt gemacht wie die idyllischen Wiesen und Weiden der umliegenden Bauernhöfe, auf denen Pferde und Kühe grasen.

Das nördliche Virginia hat die größte Konzentration von Rechenzentren der Welt.

In Virginia liegt einer der transatlantischen Knoten des Internets. Seit vier Jahren entsteht hier ein Rechenzentrum nach dem anderen. Hier lagern die an der Westküste der USA angesiedelten Big-Tech-Unternehmen ihre KI-Verarbeitung aus, in gigantische, lang gezogene Blöcke, von denen viele den Strom eines halben Atomkraftwerks für ihren normalen Betrieb brauchen. Riesige Stromleitungen überziehen das Land.

Ich erzähle Louise von unserem Besuch in dem Corscale-Rechenzentrum, das wir besucht haben. 5 x 70 Megawatt, 76 Dieselgeneratoren. Ein relativer kleiner „Campus“, wie sie diese Industrieansiedlungen hier nennen. Auf der uns dort gezeigten Power-Point-Präsentation kommt das Thema „Bedrohungen“ auf Seite 2. An zweiter Stelle nach Cyber-Bedrohungen steht „Anti-Rechenzentren-Aktivisten“. Louise lacht. „Sehe ich so aus, als würde ich ein Rechenzentrum angreifen?“  Louise ist Sozialarbeiterin für Schülerinnen der 7. – 9. Klasse, besitzt ein liebevoll renoviertes Haus mit viel Land. Sie wählt mal republikanisch, mal demokratisch. Ihr Mann ist konservativer Republikaner.

„Wir wollen hier nur ein ruhiges Leben und wir lieben unseren Landkreis. Aber ich wache morgens auf und rieche die Abgase der Dieselgeneratoren von einem meilenweit entfernten Rechenzentrum in meinem Schlafzimmer.“ 

Allein im nördlichen Virgina befinden sich über 400 Campus. Laut Angaben einer Professorin der George-Mason-Universität, die gleichzeitig für das örtliche Energieunternehmen Dominion Energy arbeitet, kommt 26% des Stroms  von Atomkraftwerken, 11% aus erneuerbaren Quellen, 6% aus Wasserkraft. Der Rest wird mit Öl und Gas erzeugt. Die Klimaziele, die sich Virginia selbst gesetzt hat, sind unerreichbar. Laut Louise hat die Luftverschmutzung zugenommen. Das Stromnetz ist überlastet. Der Energieversorger hat „Load-shedding“-Vereinbarungen mit den Rechenzentren. Bei Überlastungen schalten sie vom Stromnetz auf ihre autonome Backup-Versorgung um. Dann laufen Hunderte von Dieselgeneratoren, die Abgase sind kilometerweit zu riechen.

Eigentlich ist das Netz jetzt so ausgelastet, dass neue Rechenzentren nicht mehr angeschlossen werden. Aber wer eigene Gasturbinen aufstellt und eigene Verträge abschließt, darf weiter bauen. 

Wohin man schaut, stehen Rechenzentren. Zum Teil reichen sie bis wenige Meter an die Häuser heran. Das konstante Summen stört den Schlaf der Bewohner. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Aber mit dem Bau eines Rechenzentrums sinkt der Wert der Häuser. Und die Stromrechnung steigt. Bei steigender Nachfrage steigt der Preis für Strom und in den USA werden diese Preissteigerungen auf alle Stromkunden umgelegt. Ein Vertreter des amerikanischen Städtetags berichtet von Preissteigerungen von 200% in den am stärksten betroffenen Gebieten.

So zahlen normale Familien für die Energiekosten der Rechenzentren von fünf großen Konzernen – die den reichsten Männern der Welt gehören. So geht Umverteilung von unten nach oben. 

Louise ist hoffnungsvoll. Vor wenigen Monaten wurde der gesamte Kreistag abgewählt. Die Kreisräte hatten grünes Licht für den Bau weiterer Rechenzentren gegeben Mittlerweile ist laut Aussagen vieler Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft, die ich auf meiner USA-Reise getroffen habe, eine große Mehrheit der Menschen in den USA gegen KI. Steigende Stromrechnungen und steigende Arbeitslosigkeit unter jungen, hoch qualifizierten College-Absolvent*innen erhöhen die Skepsis. In New York kandidiert Alex Bores für die Congress-Vorwahlen mit einer ausdrücklichen Botschaft gegen die Dominanz der Tech-Unternehmen (mehr darüber in einem der nächsten Newsletter).

Ich nehme zwei Botschaften mit:

  1. Die Macht der Big-Tech-Unternehmen ist fragiler als es auf den ersten Blick erscheint. In den USA mobilisieren diese Fragen viele Menschen und sind ausschlaggebend für ihr Abstimmungsverhalten bei Wahlen. Das ist neu.
  2. Wir brauchen in Deutschland eine gute, klar formulierte Strategie für Rechenzentren. Wir brauchen Rechenzentren, die sinnvolle Aufgaben für die Digitalisierung leisten. Hohe Ressourceneffizienz und erneuerbare Energien sind zentral für einen klima-kompatiblen Betrieb. Gleichzeitig sollten wir uns gerade bei KI stark auf branchenspezifische Modelle konzentrieren, die einen echten Mehrwert für die Menschheit bieten. Klima, Medizin und ressourcenschonende Fertigungstechnik in der Industrie sind gute Kandidaten. Eine Entwicklung wie in den USA, wo KI-Unternehmen ohne klares Geschäftsmodell Klimaziele sprengen, ist definitiv nicht wünschenswert.

Doch eines war auch klar: Diejenigen, die gegen immer neue und größere Rechenzentren aktiv werden, brauchen vor allem zwei Dinge: Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Deswegen meine Bitte: Leitet diese Mail an Eure Kontakte weiter, damit Menschen wir Louise nicht alleine stehen. Und unterstützt ihre Coalition hier.

Vielen Dank und entschlossene Grüße,

Eure Alexandra Geese

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