30. Juni 2026

Überall gefilmt werden

Liebe Leser*innen!

 

Stellt Euch vor: Ihr seid im Freibad oder am Strand. Oder lauft einfach nur durch den Park. Jemand spricht Euch an, flirtet vielleicht sogar mit Euch. Was ihr nicht wisst: Ihr seid auch live auf Instagram und TikTok, denn ihr steht vor der Linse einer smarten Sonnenbrille. Von Bekannten bekommt ihr dann das Video zugeschickt, in dem irgendwelche Typen Kommentare über euren Körper posten. Klingt nach Dystopie? Ist aber heute schon Realität.

 

Mittlerweile gibt es sogar schon ein Wort für Leute, die ungefragt Videos von Euch verbreiten: “Rizzfluencer”. Rizz ist ein Slang-Begriff für Charisma, was hier nun überhaupt nicht passt. Das ist nichts anderes als ein Eingriff in die Privatsphäre und die Selbstbestimmung.

 

Je weiter diese Brillen verbreitet sind, desto mehr häufen sich die Berichte über ungewolltes Gefilmtwerden, sogar auf der Toilette oder beim Sex. Kein Wunder, dass Meta mit seiner “Meta Ray Ban” führend ist. Wenn es um die Verletzung von Grundrechten geht, scheint Zuckerbergs Meta immer ganz vorne mit dabei zu sein. Denn man sieht es den Brillen kaum an, dass sie diese Technik beinhalten. Und auch die kleine weiße LED, die eigentlich anzeigen sollte, dass aufgenommen wird, kann leicht manipuliert werden und ist je nach Lichtverhältnis schnell übersehbar, ob bewusst oder nicht.

 

Neben solchen ganz gezielten und offenen Missbrauch ging auch ein Vorfall durch die Presse, in dem ein Subunternehmer in Kenia, den Meta zur Prüfung und zum Training der KI-Funktionen nutzt, Nacktbilder von Metas Brille sichten musste. Dafür sieht sich Meta in den USA schon mit einer Sammelklage konfrontiert.

 

Auch in der EU formiert sich Widerstand gegen die Smarten Brillen. Denn ob beim Datenschutz, den Digitalgesetzen oder dem KI-Gesetz, gibt es viele EU-Gesetze, gegen die die Brillen von Meta & Co. ganz offensichtlich verstoßen. Im Europaparlament muss die EU-Kommission schriftliche Fragen der Abgeordneten beantworten. Der Europäische Datenschutzausschuss (EDPD) hat eine eigene Arbeitsgruppe zum Thema eingerichtet und will im Sommer einen ersten Bericht veröffentlichen. Auch die für Meta zuständige irische Datenschutzbehörde hat eine Untersuchung aufgenommen. Ihr französisches Pendant warnt sehr eindringlich vor den Brillen: Sie stellten ein „erhebliches Risiko“ für die Normalisierung von Überwachung dar und könnten „zu einem tiefgreifenden Wandel unserer Gesellschaften führen“ (Netzpolitk,org berichtet dazu).

 

Damit zeigen sie das systemische Risiko dieser Technologie auf: Die Unsicherheit, ob man gerade nicht doch gefilmt wird, führt zu einer Normalisierung von Überwachung durch Gewöhnung. Nicht nur in autoritären Staaten kann und wird dies genutzt, um Bürgerrechte einzuschränken. Die Unsicherheit führt auch zu einem sogenannten “Chilling-Effekt“, also dass wir unser Verhalten so anpassen, als ob wir ständig beobachtet und aufgezeichnet werden. Gerade für die Zivilgesellschaft, aber auch für uns alle ist es eine gefährliche Entwicklung, die die Freiheit massiv einschränkt.

 

Deswegen ist es gut, dass jetzt die Europäische Institutionen sich des Themas annehmen. Was mir aber wirklich Sorgen bereitet, ist das mangelnde Problembewusstsein an der Spitze: Roberta Metsola, die EU-Parlamentspräsidentin, hat Ende Mai Mark Zuckerberg im Silicon Valley besucht. Im Hintergrund des Bildes auf ihrem Instagram-Beitrags liegen schön drapiert die Meta Ray Bans (siehe auch das Titelbild dieser Mail). Kritisiert Metsola den viel zu leichten Missbrauch der Brillen? Spricht sie das an und setzt sich als Parlamentspräsidentin deutlich für Bürgerrechte ein? Leider nein.

 

Es wird jetzt höchste Zeit, dass Metsola und andere hochrangige EU-Verantwortliche ihren Kuschelkurs mit Meta und Co. einstellen und klare Kante gegen Massenüberwachung und Missbrauch zeigen.

 

Dafür setze ich mich gemeinsam mit unserer Grünen/EFA Fraktion im Europaparlament ein. Auch ihr könnt helfen, indem ihr diese Mail an eure Kontakte weiterleitet, damit noch mehr Menschen überhaupt Bescheid wissen.

 

Vielen Dank für Eure Unterstützung.

 

Eure Alexandra Geese

 

P.S.: Netzpolitik.org hat hier eine hervorragende Zusammenstellung der technischen Details und der Kritik veröffentlicht. Leseempfehlung für alle, die noch mehr wissen wollen.

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